Die Feldmaus Anneliese macht sich Gedanken zu Schleiereulen
Moin. Gestatten? Feldmaus Anneliese!
Moin! …wie man hier in Ostfriesland sagt. Gestatten mich vorzustellen? Ich bin die Feldmaus Anneliese. Ich bin eine junge Feldmausdame und, ohne überheblich wirken zu wollen, auch eine sehr hübsche Feldmausdame. Und ich bin glücklich! Glücklich, weil ich hier im schönen Ostfriesland, genauer gesagt im Ortsteil Plaggenburg, mit meiner tollen und großen Familie zusammen leben darf.
Es gibt Felder und Wiesen, Gräben und Buchenhecken in denen wir es uns gemütlich machen können. Wir kuscheln gerne miteinander, spielen, aber meistens suchen wir nach Getreide und Essbarem, um es vor anderen Tieren in Sicherheit zu bringen. Die Menschen hier bauen extra Getreide und Mais für uns an, damit wir immer gut zu essen haben. Dafür sind wir sehr dankbar! Und ich habe hier viele Freunde. Alles ist so wie ich es mir wünsche, nur eine Sache ist da, die geht mir so richtig auf den Wecker!! Und ich möchte das Wort eigentlich gar nicht aussprechen, denn dann bekomme ich regelmäßig Gänsehaut: Die Schleiereule! …und die macht uns Mäusen das Leben wirklich schwer!
Die Schleiereule | Das Plüsch-Herz des Grauens
Ja ja, das Leben als Feldmaus ist wie gesagt eigentlich ein sehr schönes, aber man hat es auch nicht leicht als Feldmaus. Die Evolution hatte bei unserer Konstruktion offenbar einen humorvollen Tag: „Lass uns ein Tierchen machen, das quasi aus reinem Popcorn-Aroma besteht, zum Anbeißen süß ist und für absolut jeden auf Feld und Wiese als Snack durchgeht.“ Mein Alltag besteht wenn ich ehrlich bis zu 90 Prozent daraus, nicht gefressen zu werden, und zu 10 Prozent daraus, wie gesagt Getreidekörner zu hamstern. Mit den Bussarden tagsüber habe ich mich arrangiert. Die sind wie Linienbusse – laut, berechenbar und man sieht sie von Weitem kommen. Wenn der Schatten über das Stoppelfeld zieht, wirft man sich eben ins nächste Mauseloch. Easy.
Aber wenn die Sonne untergeht, wechselt das Spiel vom gemächlichen Taktik-Shooter zum absoluten Horror-Survival. Denn dann übernimmt Sie die Lufthoheit. Die Schleiereule. Oder wie ich sie nenne: Das fliegende Plüsch-Herz des Grauens.

Die Schleiereule und die optische Täuschung
Optisch macht diese Dame ja auf Unschuldsengel. Dieses herzförmige, helle Gesicht sieht aus der Ferne aus wie eine Valentinskarte. Wenn sie auf dem Balken in der alten Scheune sitzt, wirkt sie fast ein bisschen verpeilt. Keine coolen Federohren wie der Uhu, keine grimmigen Augen wie der Waldkauz. Einfach nur ein heller, flauschiger Lappen mit zwei schwarzen Knopfaugen.
Aber lasst euch von diesem Vintage-Look nicht täuschen! Dieses Gesicht ist kein Design-Unfall, sondern eine High-Tech-Satellitenschüssel. Jedes Mal, wenn ich unter dem Laub mit einer Eichel raschele, dreht sie den Kopf. Und zwar nicht nur ein bisschen. Die Alte kann ihren Hals um 270 Grad drehen! Das muss man sich mal vorstellen. Wenn ich das versuche, brauche ich drei Tage Physiotherapie. Sie macht das einfach so im Sitzen, während sie mich mit diesem starren „Mach dein Testament“-Blick fixiert.
Die Physikerin des Schreckens
Das Schlimmste an der Schleiereule ist jedoch ihre unverschämte Missachtung der akustischen Naturgesetze. Wenn ein Bussard fliegt, hört man das Windgeräusch. Wenn eine Taube abhebt, klingt das wie ein startender Hubschrauber mit Motorschaden. Aber die Eule? Nichts. Absolut gar nichts.
Ich stand neulich auf einem wunderschönen fetten, von der letzten Ernte übrig gebliebenen, Maiskolben und wollte gerade reinbeißen, als mir plötzlich ein eiskalter Schauer über den Mäuserücken fuhr. Ich drehe mich um – und ein Meter über mir schwebt dieses weiße Monstrum an mir vorbei, hatte wohl meinen Cousin Kasimir im Visier… Kein Flattern, kein Rauschen. Die hat eingebaute Schalldämpfer an den Federn! Die Strömungsdynamik ihrer Flügel ist so perfekt auf „Silent Mode“ programmiert, dass selbst mein hochsensibles Nager-Gehör versagt. Das ist psychologische Kriegsführung par Excellance, wenn der Feind die Lautstärke auf null dreht!!
Und dann diese Füße, oder fachlich treffend ausgedrückt: diese Fänge. Wenn sie die im Flug ausfährt sieht das aus, als würde ein Fahrwerk mit messerscharfen Fleischhaken heruntergelassen. Da hilft kein Ducken und kein Weglaufen. Wenn sie dich einmal im Visier hat, schlägt dieses herzförmige Gesicht gnadenlos zu.

Ein Plädoyer für mehr Fast-Food Kultur
Was mich aber am meisten an der Schleiereule so triggert sind ihre Tischmanieren. Oder besser gesagt: Das komplette Fehlen selbiger.
Wenn ein Fuchs mich fängt – Gott bewahre – dann kaut er wenigstens ordentlich. Das hat Stil, das ist Handwerk. Die Schleiereule hingegen kennt offensichtlich keine Kinderstube. Die schlingt uns Feldmäuse einfach am Stück hinunter. Haut, Haare, Knochen, Schwanz – alles wandert in einem Rutsch durch den Schlund. Ich stelle mir das klaustrophobisch vor. Man sitzt im Eulenmagen und denkt sich: „Schatz, hast du mal ein Streichholz? Hier ist es echt dunkel.“
Und als wäre das nicht schon respektlos genug, kommt der eigentliche Affront ein paar Stunden später. Da die Dame die unverdaulichen Teile – also unsere wunderschönen Skelette und das weiche Fell – nicht verarbeiten kann, würgt sie das Ganze einfach als grauen, filzigen Schleimballen wieder aus. Ein sogenanntes Gewölle. Geht das nicht ein bisschen stilvoller?
Hier kannst Du mal live sehen, wie einer meiner Freunde oder Verwandten von so einer Schleiereule dezent als Gewölle ausgewürgt wird… Ich finde das richtig gruselig und respektlos uns Mäusen gegenüber!!
Letzte Woche bin ich an so einem Ding vorbeigelaufen. Ich schwöre, ich habe die Überreste meiner Cousine sechsten Grades Fenja darin erkannt. Da liegt sie nun, komprimiert zu einer Filzkugel auf dem Scheunenboden, als wissenschaftliches Überraschungsei für Biologiestudenten. Makaberer geht es wirklich nicht.
Mein Schlussgedanke hier aus der Rotbuchenhecke
Versteht mich nicht falsch: Ich respektiere die Schleiereule. Sie macht ihren Job verdammt gut. Zu gut. Aber dieses pseudo-romantische Getue der Menschen um diesen Vogel geht mir gehörig auf den Senkel. „Oh, wie schön, eine Schleiereule brütet im Kirchturm!“ Ja, super. Für euch ist es Romantik, für uns ist es der weiße Hai des Kornfeldes.
Ich werde heute Nacht jedenfalls besonders vorsichtig sein. Jedes Mal, wenn der Mond hinter einer Wolke verschwindet, werde ich den Atem anhalten. Und falls Sie mich doch erwischt, hoffe ich einfach, dass ich ihr schwer im Magen liege. Guten Appetit, du fliegende Satellitenschüssel!